Viele Menschen aus meinem persönlichen Umfeld gelangten in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu der Erkenntnis: Das derzeit weltweit sich noch immer ausrollende Wirtschaftssystem ist dem Planeten nicht förderlich. Es zerstört unsere Lebensgrundlagen eher, als sie zu nähren und aufzubauen. Einige glauben, durch „ökologischen Umbau“ Wesentliches daran ändern zu können – für andere ist dieses Wording nur ein weiteres Feigenblatt, um aus Bequemlichkeit oder Maßlosigkeit (Vgl. Heft 16, S. 34) so weiterzumachen, wie gewohnt.
Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom zeigt uns den gemeinschaftlichen Weg in die wirtschaftliche Freiheit (siehe Heft 15).
Ein neuerer Ansatz ist das Schenkritual, welches ich bei Frauen Feiern Frieden kennengelernt habe. („Beitragsrunde nach Heike Pourian“). Die Frauen gehen erste Schritte in Richtung „friedvoller Finanzierung“ mittels eines solidarischen, fürsorglichen Preiskonzeptes: Wer weniger hat, zahlt weniger, wer mehr hat, kann mehr geben. So versuchen sie, Wirtschaften und (Selbst-)Fürsorge zusammenzubringen und eine neue, friedvolle Haltung zu Geld zu kultivieren. „Es geht um gelebte Solidarität – auch wenn das zuerst noch ungewöhnlich sein mag.“ Das SCHENK-RITUAL – auch bekannt als „Beitragsrunde“ oder „Bietrunde“, wird bereits gelebt – in SoLawis, sowie inzwischen in vielen weiteren Selbstorganisations-Projekten. Eine solidarische Haltung zu Geld wird hier praktisch eingeübt.
In den Neuen Medien habe ich einige Projekte kennengelernt, die mit ihrer Finanzierung andere Wege als üblich gehen. Bastian Barucker z.B. legt die Kosten für seine Produktionen, z.B. Interviews auf apolut.net, direkt offen („Produktionskosten 1700€“). Er bittet alle, die sein Tun unterstützen wollen, per paypal.me um Spenden.
Das ToleranzraumZukunft-Projekt in Schwäbisch Gmünd nennt sein Finanzierungsmodell „Konzept Wertschätzung“. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist frei, dem Publikum wird aber nahelegt, nach ihrem Vermögen die Leistung des oder der Vortragenden wertzuschätzen – mit einer Hutspende.
Allgäu Fairnetzt nutzt die Plattform startnext.com, um ihre Vorhaben zu finanzieren, hier das FESTIVAL DER ZUKÜNFTE.
Allen vier Projekten geht es um eine echte Haltungsänderung. Machen wir uns klar: Geld ist nicht naturgegeben, sondern wurde von Menschen erfunden. Im Grunde ist es eine gemeinsame Story, auf die wir uns geeinigt haben – mehr nicht. Also dürfen wir auch spielerischer damit umgehen. Was passiert, wenn wir die übliche Idee von Geld als Gegenwert für Leistung, also die Tauschlogik, einfach mal beiseitelegen?
Und was ändert sich, wenn wir Geld stattdessen geben, um Dinge möglich zu machen, die wir wichtig finden? Wer nur bezahlt, bleibt Konsument:in. Wer beiträgt, übernimmt Mitverantwortung fürs Gelingen.
Viele Vordenkerinnen der ökonomischen Transformation beobachten: Geld kann Beziehungen auch stören. Wir zahlen, sind „quitt“ und müssen niemandem etwas schulden. Praktisch, ja. Aber auch ein bisschen einsam, weil wir damit so tun, als bräuchten wir einander nicht – obwohl jedes Leben anderes Leben braucht, um überhaupt fortbestehen zu können.
Aber auch: Wo Geld gebündelt ist, liegt oft die Macht, zu entscheiden: Welche Projekte bekommen eine Zukunft, welche nicht? Das kann zum Problem werden, wenn der monetäre Reichtum sehr ungleich verteilt ist (wie in unserem aktuellen Wirtschaftssystem).
Anders mit Geld umzugehen verlangt eine bewusste Entscheidung, den Abschied von gewohnten Denkmustern und die Übernahme von Verantwortung. Wir sind darauf trainiert, möglichst billig wegzukommen. Kapitalistisches Denken flüstert: „Erstmal an den eigenen Vorteil denken!“ Deshalb wird „Gib, was du kannst“ oft als „Ist umsonst“ missverstanden. Klar: Der erste Impuls lautet dann „Nice, Schnäppchen!“ Wer Veranstaltungen oder Dienstleistungen auf Spendenbasis anbietet, zahlt am Ende nicht selten drauf, ist frustriert und fühlt sich ausgenutzt – daher ist Reden wichtig.
Veränderung braucht Erklärung, weil nichts mehr selbstverständlich ist. Ohne genaues Hinschauen ziehen wir alte Muster einfach in ein neues Outfit. Wichtig ist, unser Gewordensein mitzudenken: „Aha, so bin ich geprägt.“
Und dann ist da noch Geld, das Tabuthema. Mehr Transparenz kann allerlei Gefühle auslösen: Wie entscheide ich, wie viel ich geben will? Woher weiß ich, ob ich im Vergleich eher viel oder eher wenig habe? All das darf Raum bekommen.
Ich will heute anfangen, über Geld zu reden – und zwar über mein Geld und unser Geld – nicht nur über das Geld von Überreichen und Milliardären. Und weil aller Anfang schwer ist, geht das am Besten in kleinen Häppchen (Barbara würde sagen: in homöopathischen Dosen).

Die Finanzierung des Magazins Lebenswerte Ostalb
Ein Anfang: Die Idee des Wertschätzungsbeitrags soll ich auch der Finanzierung des Magazins Lebenswerte Ostalb zugrunde liegen. Zunächst bin ich selbst es, die das Projekt wertschätzt, ins Leben bringt und nährt. Meine Vision ist das Magazin als Vernetzungsraum für Viele. Das möchte ich gerne mit Euch gemeinsam verantworten und finanzieren. Wie das konkret mittel- und langfristig geschehen kann, wenn der Bedarf an Nahrung zunimmt, weil „das Bäumchen wächst“, werde ich in den kommenden Monaten mit meinen Unterstützerinnen und Förderern erörtern.
Derzeit finanziere ich die vierteljährlich fälligen Druckkosten von 430€ – 500€ pro Ausgabe (je nach Seitenzahl und Auflage) über Eigenmittel, (zweistellige) Privatrechnungen sowie kleine Beiträge.
Das Finanzamt schätzt meine Tätigkeit aktuell als „Hobby“ ein, da kein Gewinn erzielt wird. Eine Mehrwertsteuer wird beim Druck fällig, sie wird also von der Druckerei abgeführt.
Ein Honorar bezahle ich derzeit weder an mich noch an die weiteren Autorinnen und Autoren aus. Als Verlag kann auf VG Wort und VG Bild verweisen – das Magazin existiert: ISSN 3054-0011.
Ich möchte allen ein herzliches Danke sagen, die mit ihren Zuwendungen und ihrer Anerkennung das Magazin so weit gebracht haben, dass es seit über 2 Jahren lebt und wächst:
- den Freunden beim Montagsspaziergang (MO 18:30 Uhr Aalen)
- den Leserinnen und Lesern, Abonnentinnen und Abonnenten
- dem Alamannen-Museum Ellwangen
- Alexandra Lässig und allen weiteren Autorinnen und Autoren
- den Unternehmerinnen der Infoboxen
- meinem lieben Partner und espresso-Chef Werner Koch =)
sowie allen zukünftigen Unterstützerinnen und Unterstützern.
Tauschlogikfrei wirtschaften
Das heißt: Ein Projekt wird genährt, weil Menschen seinen Sinn erkennen und sich wünschen, es soll in der Welt bleiben. Geld wirkt dann wie Wasser im Humusboden. Es sammelt sich dort, wo etwas Lebendiges wurzelt. Geld macht dann möglich, was sonst austrocknen würde: Es bringt Zeit, Räume, Materialien, Pflege, Miteinander, Dauerhaftigkeit.
Stellen wir uns einen Gemeinschaftsgarten vor: Niemand stellt ein Preisschild an jede Tomate, bevor gegossen wird. Erst wird der Boden versorgt, dann wachsen die Pflänzchen, am Ende gibt es die Ernte, Begegnungen und neue Ideen. Tauschlogikfrei bedeutet: Der Fokus liegt auf Lebendigkeit und Wirkung. Geld dient dem Leben des Projekts als solchem, nicht dem Abschöpfen seiner Kraft.
Als Herausgeberin des Magazins Lebenswerte Ostalb trage ich aus Überzeugung mit dazu bei, dieses Prinzip ins Leben zu bringen. Das Magazin selbst wird zum Anschauungsbeispiel, inwiefern das Prinzip „tauschlogikfrei“ sich bewährt.
Kurz erklärt: Wenn ich meine „Antennen ausfahre“, um passende Themen, Initiativen und Menschen zu entdecken, bekomme ich Lust, Texte darüber zu schreiben und sie mit schönen Fotos und Grafiken zu stimmigen Layoutseiten zu gestalten.* So entsteht im Laufe der Wochen immer wieder ein neues Heft. Die Zeit und Kosten für die Erstellung der Inhalte und das Layout trage ich derzeit als Hobby, gemeinsam mit meinen Mitmacher*innen. Sie steuern regelmäßig Artikel, Fotos und Ideen bei – bringen sich also mit ihrer Lebenszeit und ihrem Engagement ein.
Der Druck kostet allerdings „echtes“ Geld. Die agile, regionale Druckerei Granelli bekommt es gern und soll bitte am Leben bleiben. Sie kalkuliert knapp und kann bei der aktuellen Auflage gut mithalten. Mehr Exemplare sind aber erst drin, wenn auch mehr Geld dafür da ist.
Statt das Magazin einzeln zu verkaufen, fragt das Team: „Was braucht es, damit dieses Projekt langfristig bestehen kann?„
Sinnbasierte Gabe: Geld fließt aus Resonanz
Im Heft steht kein Preis, sondern eine Einladung: „Wenn du willst, dass dieses Magazin bleibt, nähre es.“ Viele geben, weil sie sich angesprochen fühlen. Eine ältere Frau gibt mir 5€ und erzählt: “Ich nehme nicht jedes Mal ein Heft – ich komme gar nicht immer dazu es zu lesen – aber ich mag es, dass es euch gibt.” Aber die Nahrung besteht nicht aus Geld allein. Ein Aktivist sagt: “Endlich habe ich den Mut, über meine Herzensthemen zu schreiben – das hat mein Selbstvertrauen verändert. Es gefällt mir, meinen Text im Magazin zu lesen und zu erfahren, dass er von Anderen gelesen wird.” Jemand macht mit und hilft, weitere Unterstützer zu finden – weil die Idee ihn an seine Jugend erinnert, als er an einer Schülerzeitung beteiligt war. Geld und Energie fließen, weil Menschen den Sinn des Vorhabens spüren und seine Zukunft mittragen wollen. Der Beitrag ist ein Ja – weit außerhalb von Marktlogik und Verkauf.
Vertrauen als Infrastruktur: Klarheit macht Unterstützung leicht
Damit Tauschlogikfreiheit rund läuft, braucht es Transparenz, die warm und menschlich bleibt. Deshalb legen wir offen, was das Projekt braucht. Gleichzeitig berichten wir, wie sich das Magazin weiterentwickelt: In 2024 waren es 16, später 24 Seiten – dann 2025 36 Seiten und nun ab 2026 48 Seiten, inklusive unseren neuen „Infoboxen“ und Terminen von Veranstaltungen, die konkrete Vernetzung ermöglichen. Alle sehen: Das Geld landet im Kern. Vertrauen in die Beteiligten wird zur Infrastruktur. Und weil Vertrauen trägt, entsteht Kontinuität. Aus spontanen Gaben werden regelmäßige Beiträge. Aus wacklig wird stabil.
Bedürfnisfelder statt Preise: Menschen unterstützen gern konkret
Viele Projekte scheitern nicht an fehlender Sympathie, sondern an Unklarheit. Darum hilft eine “Nährstoffkarte”, auf der drei bis fünf Felder sichtbar sind, in die Geld fließen kann. In unserem Projekt sieht das so aus:
Basis: Geld für Druckkosten / Porto / Fahrten.
Inhalt: Spannende Texte / beeindruckende Fotos / regionale Wander- und Ausflugstipps / Rezepte / Songtexte & Gedichte / gute Ideen.
Menschen: Eine Infobox buchen / für Berichte zur Verfügung stehen / Kontaktanzeigen aufgeben / ko-kreativ Mitarbeiten.
Öffentlichkeit: Hefte weitergeben / Veranstaltungen mit Präsentation / Auslegeoptionen / Empfehlungen / neue Zielgruppen finden.
Wer gibt, wählt ein Feld, das zum eigenen Herzen passt. Eine Person trägt die “Basis” und spendet Geld, weil ihr Sicherheit wichtig ist. Eine andere liebt “Inhalt”, gibt gern Ideen weitergibt oder erzählt Geschichten. Wieder jemand entscheidet sich für “Menschen”, weil er weiß: Resonanz entsteht im Netzwerk erst durch konkrete Beziehungen. So wird Finanzierung und Zeit-Engagement greifbar. Geld fließt wie Nahrung dorthin, wo es gebraucht wird. Unterstützerinnen spüren: Mein Engagement ist eine maßgebliche Aufgabe für das Gesamtprojekt.
Kreisläufe und Rückflüsse: Überschusskraft wird zu Wirkraft. Tauschlogikfreiheit endet nicht beim “Einsammeln”. Es denkt in Kreisläufen. Angenommen, das Magazin erhält einmal eine größere Geldspende. Dann kann es mehr tun, als nur die eigene Lage zu verbessern. Es richtet einen kleinen Topf ein: “Veranstaltungen, die unsere Gütekraft stärken”. Eine Gruppe will Lesungen organisieren, eine andere möchte einen offenen Singabend starten, jemand lädt zu einem Konzert mit Künstlern oder einem Yoga-Retreat. Das Projekt gibt Starthilfe: Miete für einen Raum, Vernetzung für die Einladungen, Material, Plakate. Geld, Netzwerk und Engagement werden zu Kreislaufenergie. Projekte werden genährt und nähren später weiter. So entsteht ein lokales Ökosystem aus Initiativen, die sich gegenseitig stärken.
Einladende Formen: Strukturen, die Geld-Gaben leicht machen
Damit Geld gut fließen kann, braucht es Formen, die freundlich und klar sind. Ich entwickle derzeit ein Konzept für ko-kreative, konkrete Projekte wie die Lebenswerte Ostalb. Gerne freue ich mich über Anregungen und Feedback: annegretbarthATgmxPUNKTnet.
Am Ende zeigt sich: Tauschlogikfreiheit ist eine andere Haltung zu Geld. Geld wird zum Mittel, das Lebendigkeit ermöglicht. Projekte werden zu Räumen, in denen Menschen sich als Mitgestaltende erleben. Und genau daraus entsteht eine neue Qualität: Ein weites Netz aus Lebenswerter Nachbarschaft.
Die Macher des Magazins fragen nicht „Wieviel Geld können wir verdienen?“ Wir fragen: „Wie können wir gemeinsam lebendig sein?“ – denn die Welt braucht Lebendige Menschen im kooperierenden Miteinander.
Wer tauschlogikfrei finanziert, baut nicht an Profit, sondern an Humus-Boden. Und auf gutem Boden wächst Erstaunliches.
*Derzeit schreibe ich manchmal mit Hilfe von KI – passt das zum Projekt? Sende mir gerne Deine Meinung an LebenswerteOstalbATgmx.de).
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