Die uralte Mutter vom Hohle Fels

Im URMU, dem urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren hat sie ihren Heimatort und Raum bei uns gefunden: Die „Mutter vom Hohle Fels“. Das ist eine etwa 40.000 Jahre alte, dreidimensionale Figur, geschnitzt aus Mammutelfenbein. Sie gilt als die älteste überlieferte Skulptur der Menschheitsgeschichte und eine der ersten Menschendarstellungen. Gefunden wurde sie im September 2008 im Hohle Fels, einer Karsthöhle im Achtal, auf der schwäbischen Alb nahe der Ortschaft Schelklingen (Alb-Donau-Kreis).

Die Gesteinslage, in der die Venus gefunden wurde, entspricht dem Aurignacien. Das Aurignacien war eine der ältesten Phasen der Jungsteinzeit, während der die Art Homo sapiens gerade erst in Mitteleuropa Fuß fasste.

Die schwäbische Urmutter führt uns zurück in eine Zeit, als die ersten Menschen vom Schwarzen Meer aus der Donau entlang nach Westen wanderten, durch Europa zogen und Spuren hinterließen: vom heutigen Rumänien bis zur Chauvet-Höhle in Frankreich. Offenbar ging es ihnen gut genug, um mehr zu tun, als nur zu überleben. Sie hatten Raum für Kunst: Sie schnitzten kleine Figuren, erfanden Musikinstrumente und bemalten Höhlenwände.

Die Figur ist 59,7 Millimeter hoch, 34,6 Millimeter breit und 31,3 Millimeter dick. Der linke Arm, die linke Schulter, Teile des linken Beins und des Gesäßes fehlen. Bei ihrem Fund war die Figur in mehrere, davon sechs auffindbare, Teile zerbrochen und über einen Raum von einem Viertelquadratmeter verteilt. Die Höhendifferenz im Sediment zwischen den einzelnen Fragmenten betrug bis zu 10 Zentimeter.

Bild: https://www.tuepedia.de/wiki/Venus_vom_Hohlefels

„Die Figur bildet scheinbar einen überzeichneten, weiblichen Körper ab, mit großen Brüsten, einem betonten Gesäß, akzentuiertem Genitalbereich und fülligem Bauch im Kontrast zu kurzen, dünnen Armen und Beinen. Gesäßfurche und Vulva gehen unterbrechungslos ineinander über. Statt einem Kopf besitzt die Figur eine Öse mit polierter Innenfläche, was darauf hinweist, dass sie an einem Lederband, z. B. einer Halskette getragen wurde. Die Beine sind asymmetrisch und spitz zulaufend, Füße besitzt die Figur nicht. Die Arme, die die Figur unter ihren Brüsten auf den Bauch legt, enden in einzeln herausmodellierten Fingern.

Die Figur weist keine Spuren einer möglichen Einfärbung mit Farbpigmenten auf, dafür aber eine Reihe präzise gezogener Einkerbungen. Die vermutlich bedeutungsträchtigsten davon sind die neun horizontalen Linien, die sich über den Bauch der Venus ziehen.“ (Quelle: geowiki.geo.lmu.de)

In der Altsteinzeit orientierten sich die Menschen am Archetyp der Mutter. Vaterschaft als Konzept war noch unbekannt, da der Zusammenhang zwischen Zeugung und Geburt nicht klar war.. Die Menschen lebten vor allem in ihrer Sippe bei Mutter und Großmutter (Die Fachwelt nennt das Matrilokalität), feste Paarbindungen waren selten, auch weil nur wenige sehr alt wurden. Die Frauen hatten meist nur 3 bis 4 Kinder, oft von unterschiedlichen Männern aus anderen Sippen (Exogamie der Matrilokalität). Die Partnerwahl lag dabei bei der Frau (female choice) und war nicht an Ort, Zeit oder eine dauerhafte Bindung gekoppelt.

Kinder wurden von der Mutter und deren Verwandtschaft großgezogen. Diese Lebensform heisst Matrifokalität. Sie wird auch heute in einigen regionalen Gesellschaften gelebt. Trost und Liebe kommen hier primär von Mutter und Großmutter: Diese Erfahrung prägte entsprechend die religiöse Idee der Urmutter.

Die „Venus“ vom Hohle Fels war mehr als eine Göttin, sie war die Urmutter.

Gabriele Uhlmann

Wenn wir heute nach innerem Halt und Orientierung suchen, blicken wir gerne auf orientalische oder gar fernöstliche Kulturen, in der vermeintlichen Gewissheit, dort Ursprünglich-Menschliches und Wahrheit und geistige Freiheit zu finden. Die Mutter vom Hohlefels wartet auf uns zuhause auf der Schwäbischen Alb. Sie schenkt uns tiefe, regionale und auch europäische Verwurzelung. Darüber hinaus zeigen Mutterfiguren auf der ganzen Welt unsere Verbundheit im mütterlichen Bewusstsein und in der Kraft der Schwesternschaft. Erinnern wir uns!

Weitere Infos:
https://www.laop-consult.de/de/projekte/die-venus-vom-hohle-fels
https://www.schwaebischealb.de/kultur/eiszeitkunst
https://www.gabriele-uhlmann.de/venusvomhohlefels.htm
https://www.emma.de/artikel/venus-vom-hohle-fels


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