In Aalen treffe ich wunderbarer Weise seit Kurzem auf unterschiedliche Frauennetzwerke, von deren Existenz ich lange nichts ahnte – die ich mir allerdings schon seit Jahrzehnten erträume: Netzwerke, die existenzielle Themen, Zyklen, Ganzheitlichkeit, Naturverbundenheit, Selbstorganisation und selbstständiges Handeln integrieren und lieber Neues schaffen, als sich an den destruktiven Systemen so mancher „Broligarchien“ abzuarbeiten. Ich denke konkret an HerVision und die WILD WOMEN – aber auch an die Landfrauen und die Frauen vom Kreisfrauenrat.
Mir ist, als wäre meine geliebte geistige Mutter Mary Daly persönlich erschienen, um uns Frauen hier im Ostalbkreis ihren Segen zu geben. Als würden überall ihre Enkelinnen JETZT in ihre Kraft kommen – und sich bewegen.
Warum Mary Daly?
Mary Daly lädt uns ein zur „Outward Journey“ / zum „Auswärts Reisen“ und meint den inneren und und äußeren, kulturellen Aufbruch von uns Frauen aus dem bestehenden Bedeutungsraum heraus. Die meisten Menschen leben innerhalb eines Symbolsystems, das von einer Kultur geprägt ist, die Frauen unsichtbar macht, ihnen klischeehafte Rollen zuweist und sie abwertet. Sprache, Religion, Rollenbilder, sogar der Humor – alles ist übervoll an entsprechenden Bedeutungsinhalten und Erzählungen, die über Jahrhunderte, Jahrtausende geformt wurden.
Für Daly ist das eine Art geistige Landschaft, die Frauen ständig klein hält oder verzerrt darstellt. „Auswärts Reisen“ heisst deshalb: Lasst uns diese Bedeutungswelt verlassen. Lasst uns nicht nur rebellieren – und damit unsere Energie ans System binden – sondern die ganze Landkarte hinterfragen und woanders hingehen. Also: Lasst uns Frauen herabsetzende Begriffe durchschauen, Frauen entwürdigende religiöse und kulturelle Bilder entlarven und – ganz wichtig! Unsere Sprache neu erfinden und unsere weiblichen Erfahrungen, wie beispielsweise den weiblichen Zyklus, ernst nehmen und würdigen. Daly beschreibt das als eine Expedition. Frauen verlassen das „bekannte Land“ der bestehenden Definitionen und bewegen sich in ein neues Terrain, wo sie selbst die Bedeutungen schaffen und die Deutungshoheit ergreifen. Das klingt neuartig – obwohl Daly ihre Bücher bereits vor 50 Jahren geschrieben hat.
Wenn wir Daly folgen, lassen wir uns nicht einhegen, von Forderungen nach „Gleichberechtigung“, „Kitas rund um die Uhr“ oder einem „Platz am Tisch der Mächtigen“ – so berechtigt diese zunächst erscheinen. Es geht um viel mehr. Es geht um nichts weniger als um die Wiederentdeckung und Neukreation einer ganzen Welt und eines Systems, dessen Regeln wir bewusst und souverän mitbestimmen und konsensieren – auf Augenhöhe mit allen Beteiligten.
Daly gliedert diese Reise in 3 Abschnitte. Sie beginnt mit der Bewusstwerdung: Wir sind hier im Exil. Unsere Kultur ist uns fremd. Sie widerspricht unserer zyklischen Natur. Wir erwachen und spüren: Es ist jetzt an der Zeit, auf die Reise zu gehen, neue Landschaften zu entdecken – neue Begriffe, neue Symbole, neue Beziehungen.
Das Ziel der Reise ist die Heimkehr zu uns selbst. Frauen finden ihre eigene geistige und seelische Heimat jenseits der vorgegeben Ordnung.
Für Mary Daly ist klar: Diese Reise ist nicht nur individuell, sie ist kollektiv, das heisst: Auch sprachlich und kulturell (und daraus folgend – politisch). Darum hat sie selbst auch so viele neue Wörter erfunden. Sie wollte nicht einfach alte Begriffe reparieren, sie wollte eine neue symbolische Welt öffnen. Wenn ich heute auf Instagram Profile wie das von Marietta Ullmann schaue, wird mir klar: WÜRDEFRECH ist genau so ein Wort. Der Samen, den Mary Daly vor 50 Jahren gelegt hat, erblüht JETZT.
Ein System, das uns falsch beschreibt, können wir nicht einfach von innen korrigieren. Erst einmal müssen wir reisen/hinausgehen, um überhaupt klar sehen zu können. Jeder Mensch kennt das. Man verlässt ein Umfeld, schaut zurück und denkt: Moment mal. Das war ja völlig normal für uns, aber im Nachhinein doch eigentlich ziemlich schräg. Menschen brauchen manchmal Distanz, um Strukturen zu erkennen. Daly hat daraus eine ziemlich poetische, ziemlich kämpferische Philosophie gemacht.
Ihre Idee vom „Auswärts-Reisen“ hängt stark mit zwei anderen Begriffen bei ihr zusammen, die noch ein bisschen schärfer sind: „Be-Friending“ und „Spinning“. Sie sind sprachlich noch wilder.
Be-Friending
Der Begriff taucht besonders in Dalys späteren Büchern auf, etwa in Gyn/Ecology und Pure Lust. Mit Be-Friending meint sie nicht einfach „befreundet sein“. Das wäre ihr viel zu brav. Daly zerlegt das Wort bewusst:
Be → sein, existieren / Friend → Verbündete, Gefährtinnen
Für sie bedeutet Be-Friending: Frauen treten in eine tiefe, solidarische Verbundenheit miteinander, jenseits der Konkurrenzstrukturen, die patriarchale Gesellschaften* oft erzeugen.
Frauen wurden historisch kulturell ermuntert, sich voneinander zu trennt wurden. Rivalität, Schönheitsnormen, Rollenbilder, moralische Kontrolle. Alles hübsche Methoden, um Kooperation klein zu halten. Be-Friending ist deshalb fast eine politische Praxis:
Frauen erkennen einander als Verbündete. Sie unterstützen sich.
Sie bauen Netzwerke des Vertrauens. Kurz gesagt: Sie lassen sich nicht gegeneinander aussspielen, sondern stellen bewusst Verbindung her.
Spinning
Daly benutzt Spinning als Metapher für kreatives Denken und Bedeutungen erschaffen. Das Bild kommt aus einer sehr alten Tätigkeit: Frauen, die Fäden spinnen. Das symbolisiert: neue Ideen „spinnen“ – neue Geschichten weben – neue Bedeutungen erzeugen. Sprache ist das wichtigste Werkzeug von Menschen. Daly erforschte die Jahrtausende alte patriarchale Kultur als symbolische Ordnung. Wenn man diese Ordnung verändern will, muss man neue Begriffe und Bilder erzeugen. Spinning ist also:
Das schöpferische Weiterdrehen der Welt. Frauen nehmen ihre Erfahrungen ernst und spinnen daraus neue kulturelle Muster.
Bei Daly entsteht daraus eine Art Prozess:
Auswärts Reisen – Wir Frauen verlassen die alte Bedeutungswelt.
Be-Friending – Wir finden Verbündete und bilden solidarische Gemeinschaft.
Spinning – Gemeinsam erschaffen wir neue Sprache, neue Bilder und neue kulturelle Möglichkeiten.
Daly erarbeitete in ihren Büchern ihre eigene Philosophie – manchmal wie Poesie und manchmal wie eine sehr radikale Kulturkritik. Sie hatte kein Interesse daran, „neutral akademisch“ zu wirken. Sie wollte unser Denken in Bewegung bringen.
Ironie: Ihre Texte sind so voller Wortspiele, dass selbst ihre Freundinnen sagten: „Mary, wir mögen dich, aber man braucht ein Wörterbuch.“ Ihre Bücher zu lesen, ist ziemlich anstrengend – aber sie berührten mich tief. Sie hat früh erkannt: Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert auch, wie Menschen die Welt verstehen. Und wir, die wir ohne diese Kontrolle frei leben wollen, sind letztendlich berufen, unsere eigenen Worte finden – und unsere eigene Kultur.

Bücher
The Church and the Second Sex 1968, Harper & Row;
spätere Ausgaben: Beacon Press.
Beyond God the Father 1973,
Beacon Press
Gyn/Ecology 1978, Beacon Press.
Pure Lust 1984, Beacon Press.
Das Wickedary mit Jane Caputi 1987, Beacon Press.
Outercourse 1992 HarperSanFrancisco.
Quintessence 1998,
Beacon Press.
Amazon Grace, 2006
Palgrave Macmillan.
(Deutsche Übersetzungen: Jenseits von Gottvater, Sohn und Co. Aufbruch zu einer Philosophie der Frauenbefreiung, 1980 Frauenoffensive / Reine Lust. Elemental-feminist. Philosophie, 1986 Frauenoffensive / Gyn-Ökologie, 1991 Frauenoffensive / Auswärts reisen, 1994 Frauenoffensive)
Dieser Text ist in Bearbeitung.
Julia Kristeva / Luce Irigaray Simone de Beauvoir / Hannah Arendt / Mary Midgley / Margaret Cavendish / Iris Marion Young / Heide Göttner-Abendroth
*Patriarchale Gesellschaften verändern sich: Aya Jaff beschreibt in ihrem Buch „Broligarchie“ die derzeitige Gesellschaft als Systeme verantwortungsloser (bzw. Verantwortung an Algorithmen abgebende) „Tech Brothers“, die im Gegensatz zum Patriarchat überhaupt gar keine Werte mehr vertreten. Sie streben also nicht einmal väterliche Hegemonie an, sondern schaffen systemisch-anonyme Kontrollmechanismen und damit automatische Profitmaximierung – und das womöglich nicht einmal mehr aus Machtstreben und Profitgier, sondern weil die Algorithmen es vorgeben.
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