Bewusstseinsforschung, Systemforschung und Quantenphysik zeichnen ein Bild der Welt, das mit spirituellen Traditionen in Resonanz steht. Sie zeigen: Alles ist miteinander verbunden. Dieses Verständnis verändert, wie wir unser Selbst, unsere Umwelt und uns als Teil des Ganzen sehen. Es eröffnet neue Wege zu Heilung, Verantwortung und einem bewussteren Leben – sowohl persönlich, als auch gesellschaftlich.
Von der Maschine zum lebendigen System –
ein Wandel in der Wissenschaft
Moderne Wissenschaft und die industrielle Gesellschaft sind eng
miteinander verbunden. Im 16. Jahrhundert begann sich aufgrund
der Trennung von Kirche und Wissenschaft eine neue Denkweise
zu entwickeln: Die Natur wurde wie eine große Maschine gesehen,
die man analysieren, messen und berechnen konnte. Forscher wie
René Descartes und Francis Bacon legten damit den Grundstein
für ein mechanistisches Weltbild. Technische Erfindungen, wie die
Dampfmaschine oder der Elektromotor galten als Bilder für das
Verständnis des Universums. Man glaubte, der Mensch und alles
Leben sei objektiv erfassbar und von außen steuerbar.
Diese Sichtweise ermöglichte enorme technische Fortschritte –
und trieb die industrielle Wachstumsgesellschaft voran. Im 20.
Jahrhundert jedoch stießen Biologen an die Grenzen dieser
Vorstellung: Das Leben selbst ließ sich nicht durch einzelne
Bausteine erklären. Stattdessen erkannten sie: Lebewesen und
ganze Systeme – wie Zellen, Körper, Ökosysteme oder sogar der
Planet – sind viel mehr als die Summe ihrer Teile.
Sie begannen, die Welt als Netzwerk dynamischer, miteinander
verbundener Prozesse zu sehen. So entstand ein neues
wissenschaftliches Verständnis: die Allgemeine Systemtheorie.
Sie zeigt, dass alles Leben Teil größerer Muster ist – fein
aufeinander abgestimmt, im ständigen Wandel, und nicht von
außen kontrollierbar, sondern von innen heraus organisiert.
Inzwischen haben diese Erkenntnisse sowohl in den Natur- als
auch in den Sozialwissenschaften Eingang gefunden. Der
Anthropologe Gregory Bateson nannte diese Neue Art zu Sehen
(Ludwig von Bertalanffy, der „Vater der Systemtheorie“) den
„größten Bissen aus der Frucht vom Baum der Erkenntnis, den die
Menschheit in den letzten 2000 Jahren zu sich genommen hat.“
Indem Wissenschaftler nicht mehr nur einzelne Dinge, sondern die
Beziehungen zwischen den Dingen betrachteten, machten sie eine
spannende Entdeckung: Die Natur ordnet sich von selbst. Sie
funktioniert als lebendiges System – ganz ohne äußere
Steuerung. Die Forscher wollten verstehen, nach welchen Regeln
diese Selbstorganisation abläuft.
Zum Weiterlesen:
Gregory Bateson, Ökologie des Geistes, Suhrkamp 1983
Ludwig von Bertalanffy, General Systems Theorie, Braziller 1968
Von der Selbstorganisation des Lebens
Die Wissenschaftler entdeckten elegante Prinzipien, die überall im
Universum zu finden sind – von den kleinsten Teilchen bis hin zu
Ökosystemen und menschlichen Gemeinschaften. Diese
Prinzipien zeigen, wie offene Systeme, die ständig Informationen
sowie Energie und Materie austauschen, die Vielfalt und Intelligenz
des Lebens hervorbringen.
Die Erkenntnisse lassen sich in 4 Konstanten beschreiben
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile,
was übrigens Aristoteles, (384-332 v. Chr.) schon wusste:
Ob Atom oder Galaxie – jedes System funktioniert als Ganzes und
gewinnt seine besonderen Eigenschaften aus dem Zusammen-
spiel seiner Bestandteile. Dieses Zusammenspiel nennt man
Synergie: Dabei entsteht etwas Neues, das man aus den einzelnen
Teilen allein nicht vorhersagen könnte. Ein Beispiel ist Wasser:
Seine feuchte Eigenschaft lässt sich nicht einfach aus Wasserstoff
und Sauerstoff ableiten. Ähnlich ist es bei Menschen – niemand
kann im Voraus wissen, welche kreativen Ideen entstehen, wenn
eine Gruppe gemeinsam denkt und arbeitet.
Offene Systeme streben ein Fließgleichgewicht an
Offene Systeme – wie unser Körper oder ein Ökosystem –
tauschen ständig Materie, Energie und Informationen mit ihrer
Umgebung aus. Dadurch können sie sich selbst stabilisieren und
im Gleichgewicht bleiben. Diese Fähigkeit nennt man
Selbstregulation. Sie führt dazu, dass Systeme auch bei
Veränderungen von außen funktionsfähig bleiben.
Ein Beispiel dafür ist der Thermostat: Er misst die Umgebungs-
temperatur und schaltet die Heizung ein oder aus, um eine
bestimmte Raumtemperatur zu halten. Solche Regel-
mechanismen beruhen auf Rückmeldungen, dem sogenannten
Feedback (In diesem Fall das sogenannte negative Feedback:
Abweichungen von einem gewünschten Zustand sollen nicht allzu
groß werden.) Übrigens nutzt auch unser Körper dieses Prinzip: Er
hält die Körpertemperatur konstant, heilt Verletzungen oder hilft
uns, beim Fahrradfahren im Gleichgewicht zu bleiben.
Die Kraft für Veränderung ist Kommunikation
Offene Systeme bleiben durch ständigen Austausch nicht allein
im Gleichgewicht – sie können sich auch weiterentwickeln. Wenn
sich die Bedingungen in ihrer Umgebung stark verändern, stehen
sie vor einer Herausforderung: Entweder sie brechen zusammen,
oder sie passen sich an. Das gelingt, indem sie neue Strukturen
und Regeln bilden und ihre bisherigen Abläufe anpassen.
Dieser Entwicklungsprozess wird ebenfalls durch Rückmeldungen,
sogenanntes Feedback, gesteuert – in diesem Fall durch positives
Feedback. Es verstärkt Veränderungen und hilft dem System, neue
Lösungen zu finden. So können Systeme lernen und wachsen.
Die Welt als Holon: Alles ist miteinander verbunden
Jedes System ist sowohl ein eigenständiges Ganzes, das aus
kleineren Teilen besteht, als auch ein wichtiger Bestandteil eines
größeren Systems. Dieses Prinzip prägt der ungarisch-britische
Journalist Arthur Koestler im Jahr 1967 mit dem Begriff „Holon“.
Auf jedem Holonischen Niveau – vom Atom bis zum Molekül, von
der Zelle bis zum Organ, vom Einzelnen bis zur Gruppe – entstehen
neue Eigenschaften, die nicht allein durch die Eigenschaften der
einzelnen Teile erklärt werden können.
Im Gegensatz zu klassischen Hierarchien, bei denen Regeln und
Strukturen von außen vorgegeben werden, entstehen in
sogenannten Holarchien die maßgeblichen Regeln durch ständige
Rückkopplungen und Anpassungen. Diese Anpassungen sind
dabei stets von einem umfassenderen Kontext inspiriert.
Ein System erschafft sich somit selbst und entwickelt sich durch
anpassungsfähige Zusammenarbeit weiter.
Die Systemtheorie hat die Sicht auf unseren Heimatplaneten Erde
wesentlich verändert. Der Wissenschaftler James Lovelock
entdeckte bei der Untersuchung chemischer Zusammensetzungen
der Erdatmosphäre, dass das Gleichgewicht der Elemente in einem
sehr engen Bereich liegt – dem Bereich, der für das Leben auf der
Erde notwendig ist. Diese Entdeckung deutet darauf hin, dass hier
ein Prozess der Selbstregulation am Werk ist, der typisch ist für
lebende Systeme.
In Zusammenarbeit mit der Mikrobiologin Lynn Margulis
entwickelte Lovelock eine Hypothese, die die gesamte Biosphäre
der Erde als ein sich selbst organisierendes System beschreibt. Statt
sich an übliche, wissenschaftlich klingende Namen zu halten,
nannte Lovelock seine Hypothese auf den Rat seines Freundes, des
Schriftstellers William Golding, GAIA-Theorie. Der Name „Gaia“
stammt aus der griechischen Mythologie und bezeichnet die Göttin
der Erde – was die poetische Vorstellungskraft vieler Menschen
anspricht.
abr/inspiriert von dem Buch
„Für das Leben! Ohne Warum“
von Joanna Macy und Molly Braun, Junvermann 2017, S. 77-80
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