We all WEAll?

Meine Stammtisch-Schwester mit Spielfilm-Faible schickt mir mal wieder einen „Youtube“-Link. Hocherfreut schaue ich am Sonntag nach dem Frühstück in mein MOBILE und stelle fest: Es ist doch kein Spielfilm – es geht tatsächlich um ihr zweites Faible – die Globale Wirtschaft. Das verlinkte kurze Lernvideo des ehemaligen WERBEFRITZEN Martin Oetting führt mich zu seinem bekannten online-Film PURPOSE – wo er zwei Visionäre begleitet: Katherine Trebeck (Gründerin der Allianz „Wellbeing Economy Governments“) und Lorenzo Fioramonti (Unterstützer der Allianz und Ende 2019 kurzzeitig italienischer Minister). Letztendlich lande ich bei der Wellbeing Economy Alliance WEAll.org.

„Wie steht wohl Christian Felber (Gemeinwohlökonomie) dazu?“ ist mein nächster Gedanke: Ich stelle entsprechende Recherchen an und freue mich, dass der „Tanzende Ökonom“, dem ich derzeit neben Samirah Kenawi diesbezüglich am ehesten vertraue, gemeinsam mit WEAll Akteur innerhalb derselben internationalen Transformationsbewegung sind.

Samirah Kenawi (Quadratur des Geldes) stellt ihm allerdings unbequeme Fragen:
Es genüge nicht, andere Werte oder andere Unternehmensbilanzen einzuführen, weil die bestehende Geldmechanik weiterhin die bekannten Wachstums-, Verschuldungs- und Akkumulationsdynamiken erzeuge. Ihre publizierten Arbeiten und Vorträge legen diese Sichtweise nahe. (Mehr dazu in Lebenswerte Ostalb HEFT 17).

Und was hält mein Lieblingspublizist Fabian Scheidler (Megamaschine, Friedenstüchtig) von dieser Allianz? Scheidler erinnert daran, dass Systeme nicht nur aus Werten, Regeln und guten Ideen bestehen, sondern auch aus Macht, Eigentumsverhältnissen, institutionellen Interessen und historisch gewachsenen Abhängigkeiten. Seine Arbeiten zielen ausdrücklich auf einen „sozial-ökologischen Tiefenumbau“ von Wirtschaft und Gesellschaft. Ein wichtiger Aspekt – wie die Abberufung des oben genannten italienischen Ministers nach nur 3 Monaten Amtszeit zeigt.

Am Ende einer Kanne Kaffee zeigt sich uns die untenstehende Grafik. So oder ähnlich wird sie wohl ab Oktober 2026 als Mittelseitenposter von HEFT 19 des Magazins Lebenswerte Ostalb erscheinen. Vielleicht entsteht daraus ein einigermaßen gut verständlicher Text – den aber wer liest? Ich bin gespannt. LOL.

Die Wellbeing Economy Alliance, kurz WEAll, verfolgt eine ebenso einfache wie weitreichende Idee: Wirtschaft soll dem Leben dienen. Menschliches Wohlergehen und die Gesundheit des Planeten sollen zum eigentlichen Zweck wirtschaftlichen Handelns werden. WEAll versteht sich dabei ausdrücklich als Zusammenschluss von Organisationen, Bewegungen und Einzelpersonen, die an einer solchen „Wellbeing Economy“ arbeiten.
Seit ihrer Gründung 2018 will die Allianz unterschiedliche Strömungen des neuen ökonomischen Denkens miteinander verbinden, damit ihre gemeinsame Wirkung größer wird als die Summe der einzelnen Aktivitäten. Inzwischen gehören lokale Hubs, internationale Netzwerke und die Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgern zu dieser Strategie.

An Ideen für eine lebensfreundliche Wirtschaftsordnung mangelt es nicht.
Was häufig fehlt, ist tatsächlich die verbindende Kommunikation. Schauen wir uns einige aktuelle Beispiele an. Die Regenerative Ökonomie, Kate Raworths Doughnut Economics und Christian Felbers Gemeinwohl-Ökonomie. Alle drei betrachten Wirtschaft aus teils verschiedenen Perspektiven. Ihr gemeinsamer Wert: Sie bieten Antworten auf unterschiedliche Fragen innerhalb desselben komplexen Systems.

Samirah Kenawi kritisiert mit ihrer selbst erarbeiteten Geldtheorie die Realisierbar-keit diese wertebasierten, theoretischen Ordnungen. Diese würden die dem aktuellen Geldsystem immanente Kräfte ignorieren (vgl. Heft 17). Elinor Ostroms Commons-Forschung und Fabian Scheidlers Analyse von Macht- und Herrschaftsstrukturen kritisieren die Ideen auf gesamt-gesellschaftlicher Ebene.

Die Kritik der drei ist m.E. essenziell – sofern das gemeinsame Ziel, eine globale lebensfreundliche Wirtschaft, ernsthaft Wirklichkeit werden soll.

Die Regenerative Ökonomie denkt auf einer sehr grundlegenden Ebene. Sie fragt, wie lebendige Systeme funktionieren und was die Wirtschaft von ihnen lernen kann. Kreisläufe, Vielfalt, Anpassungsfähigkeit, Rückkopplung und Regeneration treten an die Stelle einer linearen Vorstellung von Produktion, Verbrauch und Entsorgung. Die besondere Stärke der Regenerativen Ökonomie liegt darin, Wirtschaft wieder als Teil eines größeren, lebendigen Zusammenhangs zu begreifen. Sie liefert gewissermaßen die Lebensprinzipien einer zukünftigen Ökonomie.

Kate Raworths Doughnut Economics fügt diesem Denken einen Zielraum hinzu. Die entscheidende Frage lautet hier: Innerhalb welcher Grenzen können Menschen gut leben? Nach innen definiert der Doughnut eine soziale Grundlage, die allen Menschen ein würdevolles Leben ermöglichen soll. Nach außen markieren ökologische Belastungsgrenzen den Raum, innerhalb dessen menschliches Wirtschaften stattfinden kann. WEAll greift Doughnut Economics als eine der Strömungen auf, die zu einem breiteren Verständnis einer Wellbeing Economy beitragen. Raworth liefert damit weniger einen fertigen Bauplan für eine neue Wirtschaft als vielmehr einen Kompass: Wo wollen wir hin – und innerhalb welcher Grenzen wollen wir uns bewegen?

Die Gemeinwohl-Ökonomie Christian Felbers setzt eine Ebene konkreter an. Sie fragt danach, welche Spielregeln dazu führen könnten, dass wirtschaftlicher Erfolg tatsächlich mit gesellschaftlichem Wohlergehen verbunden wird. Unternehmen sollen ihren Erfolg nicht allein an finanziellen Ergebnissen messen, sondern auch daran, wie sie Menschenwürde, ökologische Verantwortung, Solidarität, Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe verwirklichen. Damit versucht die Gemeinwohl-Ökonomie, Werte in institutionelle Regeln und Bewertungsverfahren zu übersetzen. Sie arbeitet an den Spielregeln des Wirtschaftssystems.
Dabei gibt es schon erste Erfolge: Unternehmen erklären sich bereit, solche Spielregeln einzuhalten. Sie verfügen über eine „extern auditierte Gemeinwohl-Bilanz nach dem Standard der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ)“. Beispiele sind die VAUDE Sport GmbH & Co. KG in Tettnang, die Freiburger Taifun-Tofu GmbH (Bio-Lebensmittel), das Aichacher Schlosshotel & Gasthaus Blumenthal, Ökoenergie Polarstern München und viele mehr.

Samirah Kenawi lenkt den Blick auf eine Infrastruktur, die bei vielen Transformationsentwürfen erstaunlich wenig Beachtung findet: das Geld selbst. Ihre Frage lautet nicht zuerst, wofür Geld eingesetzt werden sollte, sondern wie Geld beschaffen sein muss, damit Austausch, Versorgung und wirtschaftliche Tätigkeit möglich werden, ohne immer wieder problematische Akkumulations-, Verschuldungs- und Wachstumsdynamiken zu erzeugen.

Damit berührt sie eine neuralgische Stelle jeder Wellbeing Economy. Eine Wirtschaft kann ökologische und soziale Ziele formulieren – doch wenn ihre monetäre Architektur weiterhin Dynamiken erzeugt, die diesen Zielen entgegenlaufen, entsteht ein systemischer Widerspruch.

Elinor Ostrom und die Commons-Forschung (vgl. Heft 16) stellen wiederum eine andere Frage: Wie können Menschen gemeinsam wirtschaftliche Unternehmen organisieren? Ostroms Arbeiten zeigen, dass gemeinschaftlich genutzte Güter unter bestimmten Bedingungen dauerhaft von den Beteiligten selbst verwaltet werden können. Damit öffnet sich neben Markt und Staat ein weiterer Gestaltungsraum. Wirtschaft erscheint nicht mehr ausschließlich als Austausch zwischen Anbieter und Käufer oder als staatliche Versorgung, sondern auch als gemeinschaftliche Verantwortung für das, was Menschen miteinander brauchen und teilen. Die Commons bringen deshalb die Ebene der Selbstorganisation in das Gesamtbild ein.

Und schließlich Fabian Scheidler. Er liefert weniger ein neues Wirtschaftsmodell als eine kritische Tiefenanalyse des bestehenden Systems. Seine entscheidende Frage lautet: Welche Machtstrukturen haben jene Ordnung hervorgebracht, die wir verändern wollen, und wodurch stabilisiert sie sich immer wieder? Damit rücken Eigentum, Kapitalakkumulation, politische Macht, staatliche Gewalt, Institutionen und kulturelle Weltbilder ins Blickfeld. Scheidlers Perspektive erinnert daran, dass Wirtschaftssysteme nicht nur aus Regeln und Kennzahlen bestehen. Sie sind historisch gewachsene Machtordnungen. Wer Transformation ernst nimmt, muss deshalb auch fragen, wer von bestehenden Strukturen profitiert, wer Entscheidungen treffen kann und welche Interessen Veränderungen verhindern oder abschwächen.
An dieser Stelle zeigt sich sowohl die große Chance als auch die mögliche Schwäche von WEAll.

Die Allianz sollte all diese Perspektiven miteinander ins Gespräch bringen. Sie versteht sich nämlich ausdrücklich als Raum zum Lernen, Vernetzen und gemeinsamen Handeln. Sie unterstützt ihre Mitglieder dabei, eigene Ansätze sichtbarer zu machen. Ihre lokalen Hubs sollen dabei ortsbezogene Kooperation ermöglichen. Gleichzeitig arbeitet WEAll auch auf der politischen Ebene. Die Allianz verbindet auch Regierungen, die Erfahrungen mit einer am „Wohlergehen“ orientierten Politik austauschen wollen. Diese Fähigkeit, unterschiedliche Ebenen miteinander zu verknüpfen, ist in einer fragmentierten Transformationsumgebung außerordentlich wertvoll.

Doch die Breite eines solchen Bündnisses birgt auch ein Risiko. Je größer die gemeinsame Überschrift wird, desto leichter können tiefgreifende Unterschiede zwischen den beteiligten Ansätzen verschwimmen. „Wellbeing“ kann vieles bedeuten. Ein Unternehmen kann Wohlbefinden fördern, eine Regierung kann neue Wohlstandsindikatoren entwickeln, eine Kommune kann Beteiligungsprozesse initiieren – und dennoch können grundlegende Eigentums-, Geld- und Machtstrukturen unangetastet bleiben.

WEAll selbst formuliert den Anspruch allerdings ausdrücklich als Transformation des Wirtschaftssystems und nicht lediglich als Ergänzung bestehender Wirtschaftsmodelle um soziale und ökologische Kennzahlen. Genau an diesem eigenen Anspruch sollte sich die Allianz messen lassen. Die entscheidende Frage wäre deshalb: Wie tief reicht der Wandel?

Eine Wellbeing Economy gewinnt an Kraft, wenn sie die verschiedenen Systemebenen gleichzeitig betrachtet. Die Regenerative Ökonomie könnte ihre Lebensprinzipien einbringen. Raworth den ökologisch-sozialen Zielraum beschreiben. Felber entwickelt bereits neuartige Regeln und Bewertungsmaßstäbe. Kenawi hinterfragt die monetäre Infrastruktur. Scheidler macht sichtbar, welche Machtverhältnisse Transformation verhindern. Ostrom kann zeigen, wie sie durch gemeinschaftliche Selbstorganisation überwunden werden können.

Die wesentliche Aufgabe von Vernetzungsprojekten wäre es m.E., einen Raum zu schaffen, in dem all diese unterschiedlichen Erkenntnisse einander korrigieren, ergänzen und vertiefen können. Denn die zeitgemäße, integrale Form von Systemwandel liegt in der Fähigkeit, verschiedene Ebenen gleichzeitig wahrzunehmen und im Blick zu behalten. Ein lebendiges System besitzt schließlich weder einen einzigen Steuerungspunkt noch eine einzige Ursache. Es entsteht aus Beziehungen, Regeln, Ressourcenströmen, Rückkopplungen, Machtverhältnissen und gemeinsamer Orientierung.

So betrachtet liegt die Stärke von Vernetzung darin, unterschiedliche Antworten miteinander in Beziehung zu bringen. Die Herausforderung: In diesem Prozess die schwierigen, unangenehmen Fragen nach Geld, Eigentum und Macht nicht aus dem Blick zu verlieren.

Schlussbemerkung

WEAll versteht sich als Bündnis für eine gemeinwohlorientierte und lebensdien-liche Wirtschaft – ist jedoch selbst fianziell in erheblichem Maß von großen privaten Stiftungen und philanthropischen Netzwerken abhängig. Darin liegt ein deutlicher Widerspruch: Eine Organisation, die wirtschaftliche Machtkonzentration und bestehende Strukturen verändern will, wird wesentlich durch Vermögen finanziert, die innerhalb eben dieser Wirtschaftsordnung entstanden sind. Auch ohne direkten Einfluss der Geldgeber kann Förderabhängigkeit sowohl Themenwahl als auch Sprache und politische Reichweite prägen. Kritisch bleibt daher die Frage, wie weit WEAll tatsächlich grundlegende Macht- und Eigentumsverhältnisse infrage stellen kann – oder ob die Allianz vor allem jene Formen wirtschaftlicher Transformation fördert, die innerhalb bestehender Machtstrukturen anschlussfähig bleiben.

Kann aus einer „Wellbeing Economy“ tatsächlich mehr werden als eine freundlichere Variante des Bestehenden? Meine Vision ist ein Wirtschaftssystem, das seine Ziele, seine Regeln, seine Tauschmittel, seine Machtverhältnisse und seine Organisationsformen neu auf das ausrichtet, wovon letztlich jede Ökonomie abhängt – auf die Vielfalt des Lebens und auf seine Fähigkeit, sich immer wieder zu neu zu erfinden. /abr+KI

Quellen:
Wellbeing Economy Alliance: „About WEAll“, „Members“, „WEAll Hubs Guide“, „Wellbeing Economy Governments“, „FAQ“ sowie Materialien zu Doughnut Economics und Wellbeing-Economy-Politik.


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